
Moralische Fernreisen – wenn Haltung wichtiger wird als Denken
In der Touristik erleben wir gerade eine bemerkenswerte Verschiebung. Es geht immer seltener um Reisen und immer häufiger um Gesinnung. Kaum rückt ein internationales Großereignis näher, melden sich Stimmen, die nicht mehr fragen, wohin Menschen reisen wollen, sondern ob sie es dürfen – moralisch verstanden.
Aktuell richtet sich dieser Eifer gegen die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 in den USA. Der Tenor: Reisen dorthin sei politisch problematisch, womöglich sogar verantwortungslos. Reisebüros und Reisende müssten Haltung zeigen. Am besten durch Verzicht.
Das klingt entschlossen. Ist aber vor allem eines: gedanklich bequem.
Wenn die Touristik zur Moralinstanz wird
Reisen war einmal ein Instrument der Begegnung. Heute droht es, zum Prüfstein politischer Korrektheit zu werden. Wer reist, soll Zeichen setzen. Wer vermittelt, gleich mit. Und wer nicht mitzieht, steht schnell unter Verdacht, die „falsche Seite“ zu unterstützen.
Dabei wird etwas Grundlegendes verkannt:
Reisen ist kein politisches Abstimmungsverfahren. Und Reisebüros sind keine Außenministerien.
Die Vorstellung, man könne durch Reiseverzicht die globale Machtpolitik beeinflussen, ist verführerisch – aber realitätsfern. Sie ersetzt die Analyse durch Symbolik und die Wirkung durch Selbstbestätigung.
Der reflexhafte Griff zur Geschichte
Besonders auffällig ist die Neigung, aktuelle Entwicklungen mit maximal aufgeladenen historischen Vergleichen zu versehen. Olympische Spiele 1936, Propaganda, Untergangsszenarien – gewaltige Bilder sollen große Dringlichkeit erzeugen.
Doch Geschichte ist kein Steinbruch für moralische Dramaturgie. Wer alles mit allem vergleicht, erklärt am Ende nichts mehr. Die Weltmeisterschaft 2026 findet in offenen Gesellschaften statt, unter permanenter öffentlicher Beobachtung, mit freier Presse, Protesten, Kritik und Gegenöffentlichkeit. Das ist keine Inszenierung eines totalitären Systems, sondern ein globales Sportereignis in politisch aufgeladenen Zeiten.
Wer daraus einfache moralische Gewissheiten ableiten will, ersetzt Einordnung durch Erregung.
Demokratie gilt offenbar nur bei genehmem Ergebnis
Besonders problematisch wird es, wenn demokratische Entscheidungen rückwirkend delegitimiert werden, weil sie nicht ins eigene Weltbild passen. Dann wird nicht mehr diskutiert, sondern disqualifiziert. Ganze Länder geraten unter Generalverdacht, ihre Bevölkerung gleich mit.
Reisen sollen dann nicht mehr verbinden, sondern sanktionieren. Der Tourist wird zum politischen Druckmittel erklärt – eine Rolle, die weder realistisch noch fair ist.
Moral ist billig – Reisen sind es nicht
Auffällig ist, dass moralische Appelle selten von denen kommen, die die Folgen tragen. Ein Boykott kostet vor allem andere: Reisebüros, Leistungsträger, Veranstalter – und Reisende, die sich auf ein Erlebnis freuen, das Sport, Emotionen und internationale Begegnungen verbindet.
Moralische Appelle aus sicherer Distanz sind leicht. Verantwortung für reale Konsequenzen zu übernehmen, ist es nicht.
Der Kunde als unmündiger Statist
Zwischen den Zeilen schwingt oft ein fragwürdiges Menschenbild mit: Kunden müssten geführt, belehrt, moralisch korrigiert werden. Als seien sie nicht in der Lage, politische Entwicklungen einzuordnen und eigene Entscheidungen zu treffen.
Das ist erstaunlich für eine Branche, die seit Jahrzehnten von neugierigen, selbstbestimmten Reisenden geprägt ist. Reisen war immer Ausdruck von Offenheit – nicht von Naivität.
Konsequenz zu Ende gedacht
Wer Reisen an politische Tageslagen koppelt, müsste sehr konsequent vorgehen. Die Liste der Destinationen ohne politische, soziale oder moralische Widersprüche ist überschaubar. Übrig bliebe eine sehr kleine Welt – und sehr viel Selbstzufriedenheit.
Reisen ist kein Belohnungssystem für „richtiges“ Regieren. Und es war nie dafür gedacht.
Unsere Haltung bei Kleeberg.REISEN
Wir glauben an Reisen als das, was sie immer waren: Begegnung, Austausch, Perspektivwechsel. Menschen reisen nicht, um Regierungen zu feiern, sondern um Menschen kennenzulernen.
Wir trauen unseren Kunden zu, selbst zu entscheiden. Ohne moralische Anleitung, ohne historische Keulen, ohne Gruppendynamik aus Messenger-Chats.
Denn eines ist sicher:
Die Welt wird nicht besser, wenn wir aufhören, sie zu besuchen. Sie wird nur im Denken kleiner.


